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Alles für Klicks: Wie Social Media unsere Kunst beeinflusst

Wir haben oft das Gefühl, uns online im richtigen Licht präsentieren zu müssen. Das gilt auch – oder gerade – für unsere Kunst. Was immens belastend sein kann. Eventuell sogar negative Gefühle gegenüber dem eigenen Schaffensprozess auslöst. Und vielleicht können wir uns als Folge davon gar nicht mehr ohne erhöhte Erwartungen an uns selbst künstlerisch ausleben.

Was mir seit ein paar Wochen am meisten hilft, um anspruchslos kreativ zu sein, ist ein radikaler Verzicht auf Social Media, v. a. Instagram. Es gibt keinen Input, der mich zu irgendwelchen Höhenflügen inspiriert, keine Vergleiche mit anderen und ja, auch kein Bedürfnis etwas vorzeigen zu müssen. Herrlich entspannend.

Weswegen ich mir mal ein paar Gedanken dazu gemacht habe, was eigentlich das Problem mit den sozialen Medien sein könnte.

Achtung: Dieser Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten.

(Wenn du keine Lust auf viel BLA BLA hast, dann spring gern direkt in die Bildergalerie.)

Der Anfang

Egal, wann du angefangen hast kreativ zu sein – irgendwann bist du höchstwahrscheinlich an den Punkt gekommen, an dem du ein Foto davon gemacht und es online geteilt hast.

Vielleicht war es noch nicht einmal ein besonders nettes Foto. Einfach nur ein Schnappschuss, direkt von deinem Küchentisch. Auf der mit Kaffeeflecken von Oma Ernas letztem Besuch dekorierten Holzplatte stapeln sich die Farbtuben und das Wasser im Pinselglas sieht irgendwie unappetitlich aus. Eine leere Kekspackung ist der einzige Zeuge deines gemütlichen Kreativnachmittags. Oh, und der Schokoladenfleck unten links in der Ecke deines Kunstwerks.

Sei’s drum. Du bist stolz wie Bolle auf dich. Und auf dieses kleine Werk, in das du stundenlang vertieft warst und welches dir beim Malen so viel Freude bereitet hat.

Du stellst das Foto also online und machst dich ans Aufräumen.

Stunden später schaust du wieder vorbei und denkst dir: “Oh.” Fünf Herzen. Sonst nichts. Und du fängst an zu grübeln. War es das Werk selbst? War es vielleicht nicht gut genug? Oder schlimmer: Warst DU vielleicht nicht gut genug?

Eventuell passte das Fotoambiente nicht? Jaja, du weißt, die Esstischlampe ist nicht die beste Lichtquelle für Fotos. Und Ernas liebevolle Kaffeeflecken haben vielleicht auch nicht gerade geholfen…

Aber die Werke von deinen Lieblingsaccounts, die kriegen doch immer so viel Aufmerksamkeit! Was machen die denn anders? Wie sehen denn ihre Fotos aus?

Also begibst du dich auf die Suche nach den Unterschieden. Ganz Sherlock Holmes mäßig analysierst du Fotostrecken, Blogartikel, Pinterestverlinkungen und oh, schau, da gibt es ein Freebie zum Herunterladen: “10 Tipps für perfekte Social-Media-Fotos”. Nur schnell deine E-Mail-Adresse hinterlegt und Schwupps, gehört die kleine Anleitung ganz “kostenlos” dir.

Nach dem Durchschmökern ist dir klar: Du musst einkaufen gehen.
Kerzen, Porzellanschalen, Tücher, kleine goldene Scheren, frische Blumen. Und hey, passenderweise verkauft die Freebie-schreibende Person auch noch vorgefertigte Fotohintergründe. Natürlich mit Wendemotiv, denn immer derselbe Hintergrund wäre ja langweilig. Die nächsten Tage arrangierst und dekorierst du rund um dein kleines Werk herum, bis du zufrieden mit dem Fotoausschnitt bist.

Aber verflixt, die Esstischlampe ist immer noch ein Problem. Und die Fenster sind eine unzuverlässige Lichtquelle. Also muss noch ein Beleuchtungsset her. Zum Glück versendet das große A versandkostenfrei innerhalb von 24 Stunden.

Drei Tage später, nach einem zweistündigen Fotoshooting und einem noch einmal so langen Bildbearbeitungsmarathon hast du endlich das perfekte Foto.

Nächster Schritt?

Ach ja, Caption schreiben. Am besten saulustig, emotional und lehrreich – damit auch alle etwas davon haben. Hast du eigentlich schon deine Hashtags rausgesucht? Werden die überhaupt noch benutzt? Und welche liegen gerade im Trend? Bestimmt hat jemand im Netz darüber einen Blogartikel geschrieben…

Weiter, weiter!

Jetzt hast du die Fotosituation optimiert. Zeit, dich selbst zu optimieren. Zum Glück gibt es jede Menge Onlineplattformen, die dir beibringen, wie du richtig malst.

Welche 20 Fehler du auf jeden Fall vermeiden musst.
Wie du die perfekte Komposition findest.
Welche Farbe du niemals verwenden solltest.
Und wie du dreizehn Skizzenbücher in zwölf Monaten füllst.

Vergiss aber zwischendrin nicht, deinen Fortschritt zu dokumentieren und jeden Tag aktiv auf deinem Social Media Kanal zu sein, indem du fleißig Herzchen verteilst und bei unzähligen anderen Accounts kommentierst, damit sie auf DEINEN aufmerksam werden.

Irgendwie geht dabei aber so viel Zeit verloren, dass du gar nicht mehr zum Malen kommst. Und wenn Zeit da ist, dann dauert es so ewig lang, bis ein neues Werk fertig und vorzeigbar ist. Da gibt es nur eine Lösung: Du solltest lernen, wie du schneller malst.

Ach wie gut, da hat gerade jemand ein neues YouTube-Video zu dem Thema hochgeladen. Wie wäre es eigentlich, wenn du einen eigenen YouTube-Kanal starten würdest? Damit du noch mehr Menschen mit deiner Kunst erreichen kannst? Das wäre eh sinnvoll. Die Kollegin aus deinem Job bei der Versicherungsagentur hat nämlich gesagt, dass du doch was aus deiner Kreativität machen solltest. Geld verdienen! Weil, warum sonst solltest du da so viel Aufwand mit betreiben?

Also googelst du abends auf der Couch noch schnell nach “Kreativ-Gewerbe anmelden” und siehe da, wieder Glück gehabt: Da hat gerade ein Online-Coach einen Crashkurs zu genau diesem Thema im Sale!

Nebenher gibt es sogar noch Tipps zum richtigen Mindset. Wenn du das Ganze nur ernst genug nimmst, dann steht deinem neuen selbstbestimmten Leben fernab von deinem Bürojob nichts mehr entgegen. Du musst dich nur ein bisschen auf den Popo setzen und nach Feierabend ein paar Stunden durchackern, dann ist es in einem Jahr soweit!

Selbstständig, mit Kreativ-Business. Ein Traum! Nur, ist das DEIN Traum… ?

Wie bist du hier gelandet?

Hier, zwischen all diesen mit Deko überfüllten Kisten, mit deinem straff organisierten Contentplan in der einen und deinem Skizzenbuch in der anderen Hand. In das Skizzenbuch hast du schon ewig nicht mehr gemalt. Das hat nämlich keine perforierten Seiten. Sollte was schief gehen (und in letzter Zeit gehen dauernd Dinge schief), dann könntest du das verhunzte Werk nicht herausreißen. Ein Desaster. Dieses eine schlechte Bild würde das ganze Skizzenbuch ruinieren.

Und Malen macht nicht mehr so viel Spaß wie früher. Du bist auch nicht schneller darin geworden, trotz all der Tipps und Tricks aus dem Internet. Und irgendwie hast du das Gefühl, dass deine Kunst auf der Stelle tritt. Wie lange ist eigentlich der letzte gemütliche Kreativnachmittag her? Mit Kekspackung, Schoki und ohne Kamera?

Das Problem ist nur, wenn du nichts Neues zum Vorzeigen hast, dann verlierst du Follower. Schon jetzt brechen deine mühsam kuratierten Zahlen ein. Sicher ist wieder irgendwas mit dem Algorithmus nicht in Ordnung. Vielleicht würde es aber auch helfen, deine Postingzeiten zu optimieren. Du könntest schnell einen Blick in die entsprechenden Statistiken werfen. Oder… du wirfst das Smartphone vielleicht einfach in die Ecke und besuchst Oma Erna.

Hobby oder Job?

Den oben stehenden Text möchte ich selbstverständlich mit einem Augenzwinkern verstanden wissen 😉

Ich habe das Ganze natürlich auch extrem überspitzt und verkürzt dargestellt. Und ich möchte niemanden angreifen, kritisieren oder behaupten, dass ich irgendwas besser wüsste. Denn in einem ähnlichen Hamsterrad, wie dem oben beschriebenen, habe ich selbst gesteckt. Aber wann haben wir eigentlich vergessen, wozu unsere Hobbies mal gedacht waren?

Heutzutage wird nahezu alles monetarisiert, was uns eigentlich mit Freude erfüllen sollte. Die Fotos, die Videos, die Kunst selbst: Alles muss super hochglanzmäßig aussehen, einem Zweck dienen, einen Call to Action beinhalten und und und. Niemals ist Schluss, es gibt immer etwas zu “optimieren”. Wir verbringen viel mehr Zeit damit, unsere Hobbies zu dokumentieren und in perfektem Licht darzustellen, als mit der Tätigkeit an sich.

Ich vermisse die Zeiten, in denen ich noch in einem Kreativforum unterwegs war (2010 oder so war das). Wo wir uns einfach nur gegenseitig gezeigt haben, mit welchem Projekt wir uns am Wochenende beschäftigt haben. Kein Wettbewerb, kein Druck, nur Spaß. Üsselige Schnappschüsse in schlechtem Licht vom aktuellen Work in Progress. Und wenn ich zwei Monate an einem Projekt saß, dann war es halt so. Mittlerweile habe ich den Eindruck, immer produktiv und vor allem schnell sein zu müssen.

Und: Ich bekomme bisweilen das Gefühl vermittelt, wenn ich das Ganze mit der Kunst nicht ernst genug nehme, dann ist es sinnlos. Spaß? Ja, klar, aber es muss auch einen Nutzen haben. Sprich, es müssen „echte“ Bilder bei entstehen. Und keine Kritzeleien im Skizzenbuch.

Solltest du eine solche Kritzelei einmal jemandem zeigen, der nichts oder nur oberflächlich mit Kunst zu tun hat, siehst du dich (eventuell) verwirrten Gesichtsausdrücken gegenüber.

„Ich dachte, du malst richtig?!?“

Aber: Was ist denn richtig malen? Wer definiert das?
Und schon sind wir wieder beim Anspruch. Und beim (gesellschaftlichen) Nutzen.

Du schaust gerne Filme? Dann mach doch Reviews!
Du liest gerne? Führe einen Buchblog.
Du kochst gerne? Dann kreiere Rezepte und teile sie in den sozialen Medien.
Sport…?
Ich könnte noch ewig so weiter machen. Selbst die banalsten Tätigkeiten werden heute wie Nebenjobs gepflegt. Und auf Hochglanz poliert mit der ganzen Welt geteilt. Wir müssen ja schließlich mithalten.

Bitte verstehe mich nicht falsch: Nichts spricht dagegen, deine liebsten Hobbies mit der ganzen Welt zu teilen. Was meinst du, warum ich diesen Blog habe? 😉
Führe deine Social Media Kanäle, beginne einen YouTube-Kanal und wenn es dein Traum ist, ein kreatives Business zu haben – go for it!

Aber wir müssen sollten uns immer vor Augen halten, ab wann ein Hobby kein Hobby mehr ist. Wenn wir bspw. Treffen mit Freunden absagen, weil wir noch nicht genug Content für diese Woche erstellt haben. Oder morgens um fünf aufstehen, um vor unserem eigentlichen Job noch schnell ein Video zu schneiden. Wenn unsere Freizeit Deadlines bekommt, ist das der Moment, an dem wir innehalten sollten.

Selbiges gilt, wenn unser Gegenüber uns davon überzeugen will, was richtige Kunst ist.

Trau dich, “schlecht” zu sein

Um also den Bogen dahin zurück zu schlagen, möchte ich dir eine Frage stellen: Wann warst du das letzte Mal kreativ, um einfach nur kreativ zu sein? Also so richtig ohne Plan und der Intention, dabei ein Bild zu schaffen? Einfach nur simples mit Farbe spielen. Kein “vorzeigbares” Endergebnis, nichts zum Posten – just for fun. Nur für dich.

Lass dich mal auf Experimente ein. Oder anders gesagt: Sei doch einfach mal schlecht, in dem was du tust – und finde neue Wege, neue Techniken und hab Spaß dabei. Male nicht für das Endergebnis, sondern für dich, um zu entspannen und die Welt da draußen zu vergessen. Kreativ zu sein hat nichts mit Perfektionismus zu tun.

Kreativ zu sein hat auch nichts damit zu tun, social-media-fähige Werke zu erschaffen.

90% meiner Zeit verbringe ich mit “Krickelkrakel”. Und das tut wahnsinnig gut. Ich brauche dieses Krickelkrakel, um lockerer in meiner Kunst zu werden und die kreativen Muskeln sich entspannen zu lassen. Und das meiste davon zeige ich niemandem. Das sind meine geheimen “happy little accidents” (Bob Ross).

Probiere es doch auch mal aus.
Spiel mit deinen Kunstmaterialien – egal welchen.
Kombiniere Materialien, die du noch nie zuvor zusammen verwendet hast.
Male ohne Fotoreferenz und ganz intuitiv.
Nutze verschiedene Formate und Stifte mit dicker Mine oder such dir einen extra dicken Pinsel.
Keine zierlichen Linien, keine Pinselspitze Größe 0, damit du auch ja jedes Details unterbringen kannst.

Und das Wichtigste: Nichts von deinen Experimenten muss im Netz (oder vor den Augen anderer) landen, wenn du das nicht willst. Es ist auch wichtig, dass wir manchmal Dinge tun, die ausschließlich für uns sind.

Bildergalerie

Für mich sind das ganz oft sogenannte „No-Pressure-Seiten“ – kleine Kritzeleien, mit denen ich mich vor oder nach der Arbeit entspanne und wenn es nur für zehn Minuten ist. Dafür verwende ich am liebsten Marker, wie die Ecoline Brush Pens und Buntstifte.

Skizzenbuchseite, die verschiedene Unterwassermotive wie Quallen und Seegras zeigt. Drum herum liegen Marker und Buntstifte.
Nahaufnahme eines Schriftzuges, der in Englisch sagt: Make some bad drawings and have fun.
Eine Skizzenbuchseite mit verschiedenen Unterwassermotiven, hauptsächlich Korallen, Fische und Kraken. Marker und Buntstifte liegen seitlich und oberhalb um das Skizzenbuch.

Der Vorteil an diesen Kunstmaterialien zum schnellen „Zwischendurch-Kreativ-Sein“ liegt auf der Hand: Du musst nicht erst deinen Arbeitsplatz vorbereiten und Wasser, Pinsel und Farbkästen herbei suchen, sondern kannst sofort anfangen. Einfach Skizzenbuch aufschlagen und loskritzeln. Und großartig aufräumen oder Pinsel sauber machen danach entfällt ebenso.

Wenn ich ein bisschen mehr Zeit habe oder es auch umfangreicher sein darf, gehe ich derzeit am liebsten wie folgt vor:

  • Eine Seite im Skizzenbuch oder ein Blatt Papier mit Acrylfarbe beklecksen für den Hintergrund (weil Acryl sich nach dem Trocknen nicht mehr mit Wasser anlösen lässt)
  • Motiv direkt mit dem Pinsel in Aquarell darauf „gezeichnet“ (richtige Proportionen sind hier gerne zu ignorieren – wir wollen schließlich Spaß haben 😉),
  • und dann mit den Caran D’Ache Neocolor II Akzente setzen.
Skizzenbuchseite mit großem Oktopus. Im oberen Bildbereich liegen diverse Stifte.

Manches davon gelingt ganz gut und anderes ist eben nur so lala. Aber es ist MEIN so lala 😁


Abschließen möchte ich mit einem Zitat von einer Künstlerin, deren Name ich leider nicht mehr weiß (und folglich die Quelle auch nicht mehr finde – Schande über mein Haupt 🙈).

Ich finde es sehr inspirierend und habe es mir fett in mein Notizbuch geschrieben:

Bad art is not bad art – its a way to grow, figuring things out and get your hands dirty.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Hände schmutzig machen! 🫶

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Hey! Ich bin Saskia,

Mixed-Media-Künstlerin aus Nordhessen. Wenn ich nicht gerade in meinem Studio sitze, findest du mich draußen in den Wäldern, bewaffnet mit Skizzenbuch und Kamera.

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