Jedes Bild startet mit einer Idee. Und manchmal lohnt es sich, über diese Idee nachzudenken. Sie von vorne bis hinten zu durchleuchten und Schwachstellen im Motiv zu finden, bevor du den ersten Pinselstrich machst.
Wie ich bei meinen größeren Werken vorgehe, zeige ich dir in diesem Beitrag.
Inhaltsverzeichnis
Die Idee
Wenn wir so im World Wide Web unterwegs sind, sehen wir meistens nur das Endprodukt. Die vielen frustrierenden Stunden die Künstlerinnen und Künstler in ihrem Schaffensprozess durchleben, bis so ein Bild endlich zu dem wird, was du schlussendlich vor die Nase gehalten bekommst, die bleiben meistens im Verborgenen.
Und das ist schade, weil das ist doch genau das, was das Werk am Ende noch interessanter macht. Und das sind auch die Dinge, die ich an der Kunst am spannendsten finde: Der Prozess hinter der Entstehung. Die Ideenfindung. Die Planung. Die vielen Stunden mit Try and Error im Skizzenbuch.
Generell liebe ich es, erstmal so ein bisschen um ein größeres Projekt herum zu skizzieren. Der Idee beim Sich-weiterentwickeln zuzusehen und sie dabei auch so ein bisschen näher kennen zu lernen. Denn je öfter ich um meine Sketche herumschleiche, um so mehr Folgeideen bauen sich darauf auf.
Aber beginnen wir am Anfang: Jedes Motiv startet mit einer groben Idee. Und meine ersten Sketche zu dieser Idee sind keine fancy Illustrationen, sondern schnell und locker zusammen geworfene Notizen, grobe Zeichnungen und Farbexperimente. Denn das ist es, wofür ich meine Skizzenbücher hauptsächlich verwende: Um Dinge herauszufinden. Zum Beispiel, wie mein Bild aufgebaut sein soll.

Das ist übrigens nicht unbedingt bei jedem Motiv meine Vorgehensweise. Manchmal male ich auch einfach aus dem Bauch heraus. Aber bei Motiven, die eine Botschaft transportieren oder bestimmte Emotionen hervorrufen sollen, bei denen gehe ich gern ein bisschen bedachter vor. Denn Ideen können sich während des Prozesses verändern und manchmal finden wir Stellen, die im ersten Moment ansprechend waren, sich aber später als verwirrend oder nicht zielführend herausstellen.
Das Motiv, das ich in diesem Beitrag plane, wird ein Mixed-Media-Werk: Ein Korallenriff in Tusche und Aquarell. Die Botschaft: Die voranschreitende Korallenbleiche in unseren Ozeanen.
2023 hatte ich in meinem Inktober-Projekt schon einmal eine ausgeblichene Koralle in Tusche gemalt. Und schon damals fand ich es faszinierend, wie geradezu gespenstisch sich die ausgeblichene Koralle von ihrer Umgebung abhebt. Deshalb hat sich hier auch sehr früh der Begriff Gespensterkoralle in meine Notizen geschlichen.

Falls du dich noch nie an Tusche ran getraut hast: Versuch es 🙏 Auch wenn die ersten Schritte vielleicht eher holprig sind – du lernst so unfassbar viel mit Tusche (generell, wenn du monochromatisch arbeitest). Über Perspektive, über Dreidimensionalität, über Licht und Schatten. Es wird dich insgesamt mit deiner Kunst voran bringen.
Die Tusche soll mir dabei helfen, das Ausbleichen und Absterben der Korallenriffe dramatischer in Szene zu setzen, während das Aquarell in dem noch lebendigen Teil zum Einsatz kommt.
Das ist die Grundidee.
Und um das weiter auszuarbeiten, stelle ich mir ein paar Fragen:
Liegt der Fokus mehr auf einem Landschaftsporträt oder soll das nur das Begleitumfeld sein?
Welche Tiere will ich im Motiv haben?
Und welche Geschichte möchte ich eigentlich mit diesem Bild erzählen?
Die Geschichte in diesem Motiv klingt grob zusammengefasst so: Dort, wo die Korallen noch intakt sind, da herrscht Leben im Riff. Sämtliche Tiere streben auf diese (farbigen) Bereiche zu und versuchen, in solche immer kleiner werdenden Oasen zu flüchten. Um das darzustellen, werden die beiden Seitenränder in Tusche umgesetzt und in der Mitte des Motivs will ich Aquarell anwenden.
Was die Tiere angeht: Ein lebendiges Riff lebt natürlich von seinen Bewohnern. Die werden hauptsächlich im farbigen Bereich des Motivs unterwegs sein. Und gewählt habe ich einmal den Oktopus, denn die sind oft in Bodennähe zu finden, und mir hat die Vorstellung gefallen, wie der Krake so mit seinen vielen Armen symbolisch nach der Sicherheit greift. Und was die Schildkröte angeht: Es wäre kein Tiny Guards Bild, wenn kein Schildi drin ist 😁
Welche Farben?
Als nächstes wollte ich herauszufinden, welche Aquarellfarbpalette der Tusche genug Widerstand entgegen bringen kann. Dieses Motiv ist nämlich nicht nur ein Kampf um Leben und Tod sondern auch ein Kampf der Farbe gegen das monochromatische (Drama, Baby!).
Die Derwent Graphitint Farben aus meinem letzten Mixed-Media-Projekt hatten mir in der Kombination mit Tusche extrem gut gefallen. Es gibt hier nur ein Problem: Diese Farben sind durch das enthaltene Graphit entsättigt und dadurch fehlt ihnen die Strahlkraft. Und da sich das vor Leben wimmelnde Riff von der ausbreitenden Bleiche abheben soll, brauche ich hier Farben mit mehr WUMMS.

Zufälligerweise ist mir beim Aufräumen ein Farbsketch von meinem Beitrag für den Winsor & Newton Malwettbewerb aus 2024 auf mein Skizzenbuch gefallen. Und ich fand dieses Farbspektrum in Kombination mit der Tusche ziemlich ansprechend.

Die für den Wettbewerb zugelassene Palette war auf sechs Farben limitiert:
Kobalt Türkis
Kobalt Violett
Terre Verte
Magnesium Braun
Venezianisch Rot
Zitronengelb dunkel.
Und diese Farben haben mich damals schon davon überzeugt, dass sie perfekt für Unterwasserbilder sind. Außerdem ist Limitation immer ein guter Faktor, um ein Bild harmonisch wirken zu lassen.
Also folgten jede Menge Farbproben in meinem Skizzenbuch. Und hier möchte ich auch ganz ehrlich sein: Ich kämpfe immer noch mit der richtigen Komposition und der Farbästhetik.
Erste Sketche
Diese Farbsketche hier sind nichts anderes, als Ausschnitte aus dem Gesamtmotiv. Ich probiere hiermit einzelne Szenen aus, um Schwachstellen aufzudecken und ein Farbkonzept zu entwickeln. Daher sind sie nur grob gehalten und wirken oft unordentlich.






Erinnerst du dich, als ich anfangs meinte, dass sich manche Stellen als irreführend herausstellen können?Genau so eine Stelle habe ich hier.

Und wenn Dinge nicht klappen, dann muss man manchmal einfach einen Schritt zurück treten und sich noch einmal ans Zeichenbrett setzen.
Zeichnen ist immer eine gute Idee, um die Dinge, die wir malen wollen, besser in ihrem Aufbau zu verstehen. Außerdem kann dich Zeichnen eben genau dadurch auch in deinem Malprozess unterstützen. Wenn du weißt, wie eine Form aufgebaut ist, dann kannst du sie auch besser in Farbe umsetzen. Und das wiederum sorgt dafür, dass deine Bilder weniger flach aussehen. Stichwort Perspektive.
Dieser Teil wird im späteren Motiv der Fokuspunkt sein. Das Werk soll zwar den unschönen Aspekt der Korallenbleiche aufgreifen, aber ich will mich mit den Details auf den lebendigen Teil dieses Bildes, also die gesunden und farbenprächtigen Korallen, konzentrieren.
Noch mehr Sketche
Und weil es mir bisher nicht gelungen ist, mit den Aquarellskizzen ein Gefühl für diese Stelle zu bekommen, also zu visualisieren, wie dieser Korallencluster denn nun eigentlich aussieht, habe ich einfach mal ein paar unterschiedliche Korallenformen gezeichnet. Diesmal aber detailliert und ausgearbeitet.




Wenn eine Zeichnung nur vage gehalten ist, und deine farblichen Experimente ebenso vage sind, ist es schwer, eine richtige Vorstellung für das Motiv zu entwickeln. Wenn ich später mit dem Bild anfange, will ich einen fertigen Fahrplan haben und nicht andauernd über Details grübeln.
Und nachdem ich dann ein Weilchen über diesen Sketchen herumgegrübelt hatte, habe ich die Teile, die mich angesprochen haben, in dieser detaillierteren Zeichnung zusammengesetzt.

Einige Korallen, vor allem die Anemonen, habe ich jetzt also zugunsten einer besseren Lesbarkeit des Motivs aufgegeben. Ich wollte zwar wirklich gern mal Anemonen in einem Bild haben, aber das muss wohl noch ein bisschen warten.
Du willst die Betrachter deiner Kunst nämlich nicht mit unklaren Aspekten verwirren, zumindest nicht am Fokuspunkt. Der Hintergrund kann ins vage und abstrakte abdriften, aber wenn jemand nicht mit einem Blick erkennt, was auf deinem Bild los ist, oder wenn das Motiv Unruhe ausstrahlt, dann werden sich die wenigsten dafür interessieren. Oder in der Sprache der Onlinewelt: Es wird einfach weiter gescrollt 🤪
Und da in einem Korallenriff immer viel los ist, habe ich mich schlussendlich für klarere Formen entschieden.

Das ist nun der aktuelle Stand. Ich plane die Fertigstellung des Motivs für Frühjahr 2026. Wenn du gern auf dem neuesten Stand bleiben möchtest, dann abonniere gern meinen Newsletter, weil da zeige ich immer mal wieder Zwischenstadien von meinen Projekten, bevor sie dann hier auf dem Blog auftauchen.
Wenn deine Idee in stark vereinfachten Formaten schon nicht funktioniert oder dich nicht überzeugen kann, dann wird sie es höchstwahrscheinlich auch nicht in deinem eigentlichen Werk. Und aus diesem Grund kann es sich lohnen, mit deiner Idee so ein bisschen auf Tuchfühlung zu gehen.
Was im Übrigen nicht bedeutet, dass du das auch so ausschweifend tun musst, wie ich.
Mein Bild in diese kleinen Sketche zu zerlegen, hat mir unheimlich dabei geholfen, mein Motiv kennen zu lernen. Es ist ein bisschen so, als ob ich eine kleine Landkarte erstellt hätte. Und wenn du zum Beispiel Angst davor hast, dich an was größeres zu trauen, dann könnte dir dieses in kleinere Portionen zerlegen eventuell helfen, mehr Sicherheit zu finden.
Aber bitte, bitte, bitte, lass dich nicht durch meine Vorgehensweise verunsichern. Und fühl dich nicht dazu genötigt, deine Projekte ebenso detailliert aufziehen zu müssen! 🙏
Wir lassen uns gern von den Dingen beeinflussen, die wir im Internet bei anderen sehen. Und du kannst dich gern inspirieren lassen, Dinge ausprobieren oder deine Arbeitsweise verändern – nur lass dir niemals von jemandem weismachen, dass es DEN EINEN Weg gibt, um “richtige” Kunst zu machen. Wir haben alle unterschiedliche Herangehensweisen. Und die Herangehensweise von anderen ist auch nicht immer – ich will mal sagen – kompatibel mit uns selbst…. Und in deiner Kunst gibt es nur einen richtigen Weg und das ist deiner 💕

